Ich erinnere mich noch genau, als ich ich zu meinem Mann sagte: "Stell dir mal vor, wir bekommen ein Schreibaby. Das muss furchtbar sein". Die Vorstellung war immer so weit von uns entfernt, dass wir nur darüber lächeln konnten. Dankbar lächelnd, dass wir immer sehr relaxte Kinder hatten und überzeugt davon, dass auch unser drittes Baby sehr entspannt wird. Der Begriff 'Schreibaby' hatte für mich nie etwas positives, aber dennoch konnte ich mir eigentlich gar nicht so recht vorstellen, wie das denn so sein kann. Weinen die durchgehend? Ohne Pause? Tag und Nachts? Wie auch immer - es muss furchtbar sein, da war ich mir sicher. Dass es mich als Mama mal betreffen könnte, hatte ich nie am Schirm.

Doch schon diese Schwangerschaft zeigte mir: es kommt oft anders. Völlig anders. Und so wie ich mit gebrochenen Fuß und Kugelbauch lernen musste, die Situation anzunehmen, hinein wuchs und es dann tatsächlich fast mit links wuppte, lerne ich auch die letzten neun Wochen, die Situation erneut anzunehmen. Eine laute Situation. Eine herzzerreißende Situation. Eine Situation, die mich oft zum verzweifeln brachte.

Ich kann hier an dieser Stelle leider keine Wundertipps verteilen - wir haben vieles versucht, aber dennoch kann ich für nichts meine Hand ins Feuer legen. Im Endeffekt wusste ich insgeheim von Anfang an - auch wenn ich es mir immer anders gewünscht hätte - dass es nur die Zeit ist, die uns helfen kann. Zeit, die Joel braucht, um anzukommen. Aber auch jene Zeit, die ich brauchte, um mit der Situation klar zu kommen. Ich wurde mal gefragt, ob es denn schon besser wurde. Meine Antwort war spontan, ehrlich und machte mich im Nachhinein selbst ein wenig stolz auf mich: "Nein, es wurde nicht besser, aber ich komme nun besser damit klar."

Ja, wir alle wuchsen in die Situation hinein: Meine beiden großen Kinder, die nun vermutlich einen noch tieferen Schlaf haben als zuvor, denn selbst ein Joel in Höchstform weckt sie nicht mehr auf. Mein Mann wuchs hinein, und somit auch seine Waden - denn nicht mal die beste Federwiege kann wippen wie er. Und ja, auch ich wuchs hinein - mit Tränen, Augenringen und allem was dazu gehört.
Und seitdem ich selbst mein schreiendes Baby trage, schaukle, küsse, wiege, streichle, nimmt für mich das Wort 'Schreibaby' eine ganz andere Bedeutung an: nämlich gar keine. Denn Schreien ist keine Krankheit, es ist lediglich die Art und Weise, mit der mein Sohn versucht auf dieser Welt klar zu kommen. Und wenn er schreien möchte, soll er das tun. Denn wir sind für ihn da: mit den kräftigsten Waden, mit den stärksten Armen, mit Olivia's schönstem Gesang, mit allen Kuscheltieren die Tim finden kann und obendrauf gewappnet mit so unglaublich viel Liebe, die kein Weinen übertönen könnte.



Kommentare

  1. Oh so schön geschrieben.

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  2. Liebe Anna,
    das hast du wunderschön ausgedrückt. Auch mein Kleiner hat damals sehr lange gebraucht, bis er sich bei uns eingefunden hat. Und jetzt ist er ein ganz munteres, fröhliches Kerlchen. Aber er macht immer noch gerne laut auf sich aufmerksam und behauptet so seinen Platz ;-)
    Alles Gute und weiterhin viel Kraft für euch!
    Lieben Gruß, Carina

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    1. Liebe Carina, und das ist gut so - laute Kinder braucht die Welt. Herzliche Grüße!!

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  3. So toll wie du das schreibst, hast du absolut deine Ruhe (wieder) gefunden und stehst die Zeit sicher mit alledem super durch. Ich wünsche euch alles Gute und hoffentlich bald immer weniger Schreien und dafür mehr Lachen ;)

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    1. Das hab ich! Oh ja :) Danke für deine lieben Worte!

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  4. Das ist so schön geschrieben, ich bin gerührt!! Wie so oft im Leben: Annehmen der Dinge wie sie sind und eine Portion Gelassenheit sind Wundermittel für die Seele!! Alles Gute euch!! Lg aus NÖ sendet Lisa

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    1. Gut gesagt! Herzliche Grüße aus OÖ!

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  5. Liebe Anna.

    Beim Lesen deines Beitrages kommen mir beinahe die Tränen. Sie erinnern mich an die Zeit mit meiner kleineren Schwester.
    Auch sie war ein Schreibaby und hat meinen Eltern viel Geduld und Kraft abverlangt. Als neunjähriges Mädchen habe ich das damals gar nicht verstanden warum Katrin so viel weinte, denn ich wollte doch nur eine kleine Schwester!
    Doch heute ist sie fast zwanzig Jahre alt und wir denken mit einem schmunzeln daran zurück.

    Wichtig ist der Zusammenhalt zu deinem Mann und die Liebe die du deinen Kindern schenkst. Alles Andere ist in der Pubertätsphase vergessen, denn dann wachsen einem erst die grauen Haare.

    Ich schicke dir viel Energie.

    Alles Liebe,
    Lisa


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    1. Haha, graue Haare hab ich zwar schon, aber ich weiß genau - so wie du sagst - es werden nicht die letzten sein. Ich freue mich, irgendwann mit Joel schmunzelnd auf die Zeit zurück zu blicken. Herzliche Grüße an dich liebe Lisa - schön dass du da bist!

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  6. Ein schöner Post und viel Kraft für Euch! Ich denke, Dein Beitrag wird vielen helfen!!
    Bei uns war unser erstes Kind ein "Schreibaby" und man/ich hatte oft das Gefühl zu versagen, dass es an mir liegt usw. Wenn man dann noch Ratschläge bekommt, was man alles vermeintlich besser machen könnte.. hilft alles nichts.
    Aber ich denke es hilft, wenn einem einfach mal gesagt wird, dieses Kind ist halt so, dieses Kind hat das Schreien als Ausdrucksmittel. Unser Sohn ist sehr mitfühlend und sensibel und merkt auch unausgesprochene Stimmungen. Und wichtig ist, dass - wie Du schreibst - man selbst einfach besser mit der Situation klar kommt und irgendwann hört es auch auf.
    Hilfreich ist, wenn Mütter wie Du sich auch öffentlich äußern. Es sind schon relaxte Kinder da, Du bist erfahren und hey Joel ist "trotzdem" so. Unser Sohn hat auch sehr wenig geschlafen und da war ein Zitat aus einem Buch toll: "machen Sie ein zweites Kind, dann haben Sie wahrscheinlich eines, was gut schlafen kann". Die Botschaft ist, sei einfach für Dein Kind da, aber es kann auch sein, selbst wenn Du alles richtig machen willst, dass es einfach anders läuft, als man es möchte. Mir hatte auch die Schreibabyambulanz geholfen. Die superliebe Frau hat mir geholfen, das Gute nicht aus den Augen zu verlieren. Zu sehen, was toll läuft. Und sie hat geholfen, dass ich auch weinen konnte und entspannen durfte. Ein geschützter Raum, um den Frust los zu werden.
    Viel Kraft und gute Nerven, alles Gute!

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    1. Und genau deshalb hab ich diesen Post geschrieben. Ich habe lange überlegt, ob ich es tatsächlich tun soll, da es für mich ein unheimlich berührendes Thema ist. Und ich mit berührenden Themen in der Öffentlichkeit leider durch weniger nette Leute, sehr verletzt wurde. Aber ich dachte an jene Mamas, denen es helfen wird. Und wurde zum Glück auch eines besseren belehrt, dass meine Leser durchwegs Menschen mit Herz sind. Vielen Dank für deine lieben Worte liebe Melli. Herzliche Grüße, Anna

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  7. Liebe Anna,
    Auch ich hatte 2 Jahre lang ein Schreibaby und musst mir von den Aussenstehenden so viele gut gemeinte Tipps anhören. Ich hatte meine Kleine 2 Jahre im tragetuch -schreiend. Heute ( sie ist inzwischen 10) ist sie so ein Sonnenschein und positiver selbständiger Mensch -unglaublich. Und ich kann jetzt im nachhinein sagen: es war halb so schlimm.
    Vielleicht gibt dir das ein wenig Kraft!

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    1. Hach ja, die gut gemeinten Ratschläge. Mich sprach doch tatsächlich mal eine Dame beim einkaufen an (ich mit schreiendem Baby im Tragetuch), dass ich ihn vielleicht aus dem Tuch nehmen sollte, weil er soviel schreit. Vielleicht bekäme er nicht richtig Luft. Lächeln und weitergehen! :)

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  8. ich hatte auch ein Schreibaby. nach dem ersten kind dachte ich mein kleiner wird so wie Nummer 1 aber nein er hat geheult und geheult und wollte nur getragen werden. man kann es nur hinnehmen und es alles nicht zu ernst zu nehmen es geht vorbei manche Babys macht es halt nicht aus die Farben und laute Geräusche und manche nun ja geht ihnen das ganze auf die Nerven �� aufjedenfall wird es mit der Zeit besser und sobald sie laufen oder krabbeln ist alles vorbei �� die entdeckerlust ist halt einfach viel zu groß. ich wünsche dir viel kraft und Geduld und alles gute

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    1. Oh ja da hast du recht: die Situation anzunehmen war auch für mich sehr hilfreich! Alles Liebe euch!

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  9. So schön und mit Gefühl geschrieben, das gibt anderen Mamis sicher Kraft. Alles Liebe für euch!

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    1. Das hoffe ich! Ich danke dir vielmals!

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