Helfen! | Weil nicht jede Kindheit unbeschwert ist

05.10.2017







Jenny "kenn" ich nun schon eine ganze Weile. Ich mochte ihre Bilder auf Instagram immer besonders gerne, weil sie sie so unbeschwert wirkten. So herzlich. So schön. Man fühlte die Liebe für ihren Sohn auf jedem einzelnen Bild. Sie textete immer ganz lange Titel dazu - ich las sie sehr gerne. Sie waren lustig und ehrlich. Und brachten mich immer zum schmunzeln. Eines Tages kam Jenny dann mit der Neuigkeit, sie würde einen Shop eröffnen. Und natürlich war dieser vom ersten Tag an ganz genau so wie ich ihren Feed auf Instagram bisher kannte: wunderschön. Und mit Dingen bestückt, die einfach zu Jenny passen. 

Hätte ich darüber nachgedacht, wie Jennys Leben denn bisher so ablief, hätte ich sofort auf 'unbeschwert' getippt. Einen tollen Mann, nen süßen Sohn und ganz bestimmt ne helfende Familie im Rücken. Sie wirkt so stark, manchmal etwas chaotisch zerstreut, aber dennoch sehr gefestigt. Dass sie ne richtig schwere Kindheit hatte - auf das hätte ich niemals getippt. Eines Tages, bekam ich eine Nachricht von Jenny: "Sag mal Anna, ich hab gerade eine Aktion laufen mit ganz tollen süßen Socken von Mikanu. Diese Socken sind für einen guten Zweck, ich hab ihr ganz viele abgenommen, denn der Erlös geht an ein Kinderheim! Würdest du mir vielleicht helfen? Ich würde am liebsten ganz viele verkaufen, damit ganz ganz viel zusammen kommt. Ich bin ja selbst im Kinderheim groß geworden." Klar war ich dabei - nichts ahnend schickte ich ihr meine Fragen. Und bekam Antworten, die bei mir die Tränen kullern ließen: 




Liebe Jenny, kannst du kurz erzählen, warum dir das Projekt von Mikanu so wichtig ist?

Als ich von dem Projekt erfahren habe, war ich sofort Feuer und Flamme und habe gleich davon geträumt, unendlich viele Socken zu verkaufen. Die Idee von Mikanu, wunderschönste Socken herzustellen und die Erlöse an Kinderheime zu spenden, ist einfach fabelhaft und verdient jede Unterstützung. Das ist wirklich eine absolute Herzensangelegenheit für mich, denn am liebsten würde ich all die Kinder, denen es nicht so gut geht, bei mir zu Hause aufnehmen, pflegen, schützen und Ihnen Wärme und Geborgenheit geben.

Das sind Dinge, die ich in meiner eigenen Kindheit leider nicht erfahren habe. Die Sehnsucht danach hat sich aber bis heute fest in meinem Herz verankert und wird dort wohl für immer bleiben. Vergessen werde ich nie. Lernen damit umzugehen, gottseidank schon. Ich war 11 Jahre alt, als ich ins Kinderheim gekommen bin; als kleines, unschuldiges Mädchen mit gebrochenem Herzen und einer wirklich sehr verletzten Kinderseele. Es gab viele Gründe dafür, aber der schwerste und schlimmste waren die täglichen Misshandlungen und Gewaltübergriffe meiner Mutter. Und mein Papa war nicht da und konnte mir nicht helfen. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann fühle ich nur Schmerzen und Verletzungen. Ich wollte und konnte das alles nicht mehr aushalten und musste einfach weg.

Meine eigene Mutter hat mir eine behütete Kindheit gestohlen. Einen Lebensabschnitt, der doch so positiv prägend sein kann und den man für immer in seiner Seele trägt. Kindheit ist so wertvoll, so einmalig! Sie sollte einfach nur frei und ohne Sorgen sein. Und voller Liebe und Geborgenheit!!

Wie lange warst du im Kinderheim?

Ich war drei Jahre im Kinderheim. Davor habe ich jahrelang meine Geschwister versorgt und auf sie aufgepasst. Dadurch war ich ganz früh schon sehr selbstständig und das musste ich auch sein. Ich war für sie eine Art „Ersatz-Mama“. Die meisten von ihnen haben es trotzdem leider nicht geschafft, sich von meiner Mutter zu lösen und ein normales Leben aufzubauen, wodurch ich keinen Kontakt mehr zu ihnen habe. Ich bin dann mit 16 Jahren aus dem Kinderheim ausgezogen, alleine in die große weite Welt meiner kleinen Heimatstadt. Und jetzt könnte ich noch lange erzählen, wie es so weiter ging mit meinem Leben. Das war wirklich ein Auf und Ab und ein steiniger Weg. Vielleicht sollte ich mal ein Buch schreiben? Schreiben löst so viel Ballast und tut so gut! Ja, ein Buch wäre ein großer Traum von mir.

Wie empfindest du, wenn du an die Zeit zurückdenkst?

Ganz gemischte Gefühle, liebe Anna. Es war letztendlich meine Rettung, ins Kinderheim zu kommen, meine kleine Chance, aus der wirklich grausamen und unaushaltbaren Situation rauszukommen. Schutz zu bekommen. Raus aus der Gewalt. Nicht mehr geschlagen und getreten zu werden. Nicht mehr mit Angst einschlafen und aufwachen.

Aber auf der anderen Seite schmerzt das Herz ganz oft immer noch. Dieses Gefühl, wenn all Deine Schulfreundinnen nach Hause zu Mama und Papa gehen. Liebe erfahren. Einfach spielen können, sorgenlos sein. Nicht an Morgen denken, keine Ängste haben. Einfach das Gefühl zu haben, goldrichtig zu sein! Das sollten all die wunderbaren Kinder auf der Welt spüren! Kinder sind die unschuldigsten Wesen und sie haben es verdient, mit Liebe überschüttet zu werden. Der wichtigste Grundstock für ein glückliches Leben. 

Heute bin ich erwachsen, dieses Jahr 30 geworden und diese Erinnerungen und Erlebnisse sind natürlich immer in mir drin. Vor allem eine Mutter zu haben, fehlt natürlich sehr. Wen ruft man an, wenn es einem schlecht geht? Einem alles über den Kopf wächst, man sich einfach nur mal ausweinen möchte, ein bisschen Kraft schöpfen. Das Gefühl bedingungslos geliebt zu werden in sich zu haben, das einen durch den Alltag trägt. Nichts und niemand auf dieser Welt kann eine Mutter ersetzen!


Was meinst du, könnte man für jene Kinder, die in Heimen aufwachsen, noch verbessern?

Tja, wenn man überhaupt von Verbesserungen sprechen kann. Aber was mir einfällt wäre, dass man auch wenn man erwachsen ist und auszieht in die große weite Welt, noch eine Bezugsperson aus dem Heim hat, an die man sich wenden kann. Das hätte ich mir für mich sehr gewünscht. Wenn man nach all dem Schmerz behütet in einer Pflegefamilie aufwächst, dann hat man endlich eine Familie, die idealerweise auch noch nach der Volljährigkeit für einen da ist. So ganz ohne Mama und Papa und ohne Geschwister durchs Leben zu gehen, ist oft sehr schwierig für mich. Deshalb sind meine Freunde auch irgendwie alle ein Stückchen Familie für mich. Meine beste Freundin ist wie meine Schwester. Das ist natürlich ganz großartig.

Was bedeutet ‚Familie‘ für dich - jetzt wo selbst Mutter bist?

Familie bedeutet für mich ALLES! Es sind die kleinen Dinge, die für mich am meisten zählen. Die Momente, an die sich die Kinder später noch mit einem warmen Herz zurückerinnern. „Oh Mama, das war so schön, als du mich abends gebadet, eingecremt und mir anschließend eine warme Milch gemacht hast“. Oder auch bei Kleinigkeiten zu sagen: „Wie toll, da warst du aber ganz schön mutig. Das hast du toll gemacht!“. Balsam für die Kinderseele. Daraus entsteht Urvertrauen und der Glaube an sich selbst, das Gefühl wertvoll und wichtig zu sein. Oftmals musste ich mir Sprüche anhören wie: „Du bist aber eine ziemliche Helikoptermutter“. Vielleicht bin ich das. Aber wo ist das Problem? Liebe ist das einzige, von dem man nie zu viel bekommen kann! Wir haben nur dieses eine Leben und man ist nur einmal Kind! Und wenn Mama und Papa abends zum Einschlafen gebraucht werden, dann ist das eben so.

Ich gebe genau das täglich weiter, was ich nie bekommen habe: Liebe! Dabei kann ich leider nicht auf den Erfahrungsschatz meiner eigenen Kindheit zurückgreifen, wie es die meisten können, ich höre dabei einfach nur auf mein eigenes Bauchgefühl! Familienglück kann man gar nicht in Worte fassen, so unendlich schön ist das. Es ist das Schönste, was es in meinem Leben gibt. Da beruhigt sich meine Seele, da fühle ich mich „angekommen“. Meine Familie steht für mich über allem und ich würde wirklich alles für sie tun.























Liebe Jenny, ich danke dir von Herzen für diese ehrlichen, berührenden Antworten.

Und nun seid ihr dran! Ihr Lieben, um es einfach ganz frech auf den Punkt zu bringen: bitte bestellt! Kann man Socken denn nicht immer brauchen? Wie oft kauft man sonst mal eben schnell etwas für zehn Euro? Ständig! Und das ganz ohne guten Zweck dahinter. Die Socken gibt es in Blau/Grau, in Creme, in Grün und in Rosé. Jenny wird bei jedem Kauf einen Freudentanz machen. Und ich bin mir sicher, das Geld kommt an den richtigen Ort: Die gesamte Summe aus den Einnahmen der Socken, geht zur Gänze an das Kinderheim Büttgen (Ev. Jugend- und Familienhilfe, Sebastianusstr. 1, 41564 Karst). Und zwar in der Weihnachtszeit, um den Kindern dort ein schönes Fest zu ermöglichen. Hier könnt ihr übrigens in einem sehr berührenden Artikel lesen, wie Weihnachten für Kinder aus dem Heim so abläuft. Mir fehlten die Worte. Und hoffe daher auf viele, viele Socken, die zukünftig an den Füßen eurer glücklichen Kinder tanzen dürfen. Denn sie haben euch, eure Liebe - und das ist wohl das Mindeste, was Kinder verdient haben. 

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