Das Leben | You are my sunshine

04.04.2018



Da stand ich plötzlich und sah mir selber zu. Sah mich weinen. Sah, welche unglaubliche Angst ich hatte. Ich sah, wie ich mich mit den Schwestern der Intensivstation anlegte. Sah, wie ich vehement den Standpunkt verteidigte, dass ich die Nacht nicht von meinem Baby weiche, auch wenn es auf der Intensivstation nicht erlaubt ist. Ich sah, wie müde ich war. Wie ich am ganzen Körper zitterte. Wie hilflos ich mich fühlte. Ich sang. Unheimlich viel. Immer und immer wieder.

You Are My Sunshine, my only sunshine
You make me happy when skies are gray
You'll never know dear, how much I love you
Please don't take my sunshine away.

Ich sang es laut als Joel umringt war von Schwestern und Ärzten. Dann leise, als ich ihn wieder fassen konnte. Flüsterte es in Joels Ohr, bis die Sedierung wirkte. Streichelte sein Haar. Roch daran. Ich sah Ärzte kommen. Ich sah die besorgten Blicke. Ich sah so viele Dinge, die sie mit meinem Baby machten. Sah Dinge, die ich verhindern wollte. Aber nicht konnte, denn sie sollten ihm das Leben retten. Dann musste ich gehen. Musste mein Baby zurück lassen. In den Händen von fremden Menschen. Hörte ihn weinen. Tat es auch. Ich telefonierte mit meine Mann. Brach zusammen. Und ständig sah ich mir selbst zu. Stand neben mir. Und konnte nicht glauben, was gerade passiert. Ich verbrachte Stunden auf den ungemütlichsten Stuhl, der im Krankenhaus zu finden war. Doch spürte meinen Körper dennoch nicht. Nur mein Herz. Es war so schwer.

Der Moment, in dem man sich übergibt, weil man nicht mehr weinen kann. Der Moment, in dem man noch steht, obwohl man das Gefühl hat, am Boden zu liegen und von Menschenmassen überrannt zu werden. Der Moment, in dem man nicht weiß, ob die Geschichte mit dem Wort ausgeht, das man nicht aussprechen möchte. Das Wort mit den drei Buchstaben. Diese Momente, ich kannte sie aus Filmen. Aus Erzählungen. Von Freunden, die wen kennen, die wiederrum wen kennen. Und nun waren sie plötzlich ein Teil meines Lebens.

Und so vergingen die Tage. Die Momente blieben. Ich versuchte aus den besorgten Gesichtern der Ärzte und Schwestern Hoffnung zu kitzeln. Bekam Abfuhren. Immer und immer wieder. Ich wurde von Ärzten mit Füssen getreten, als ich am Boden lag. Und doch fand sich immer wieder jemand, der mir liebevoll auf half. Auf einen Fortschritt, folgte ein Rückschritt. Ich war müde. Ich betete. Und fühlte mich trotz der unendlichen Erschöpfung getragen. Getragen von der Liebe meiner Familie und meiner engsten Freunde, ich fühlte mich getragen von der Lawine an Energie und guten Gedanken meiner Leser. Der Zuversicht meines Mannes, der mich auffing, obwohl er selbst am Boden lag. Der mir immer wieder unser Mantra ins Ohr flüsterte: alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut.

Es entstand eine Menschenkette, die sich für Joel an die Hände nahm und für ihn betete. Und so sah ich nach einer durchweinten Nacht plötzlich Leben in den verschwollenen Augen meines Kindes. Ja, und da war es: ein kleines Lächeln unter dem von Kortison aufgedunsenem Gesicht. Die Liebe kam an. Da wo sie ankommen sollte.

Wir kämpften weiter, zeigten all den Nebenwirkungen, dass sie nicht willkommen sind. Dass wir stärker sind. Auch wenn ich mich nicht so fühlte. Joels Sonnenschein überstrahlte all meine Sorgen. Er musste noch so vieles über sich ergehen lassen. Sein kleiner Körper. So vieles floss in ihn hinein. Und doch schenkte er mir jeden Tag Kraft mit seinem Strahlen. Ich funktionierte für ihn weiter. Und wäre bis ans Ende der Welt gelaufen, um ihn zu heilen. Ja, und so fühlte ich mich auch nach den Wochen im Krankenhaus. Vertraute nicht mehr auf mich als Mutter. War gebrochen. Zerrüttelt. Meine Prioritäten, völlig durcheinander. Was führte ich nur für ein Leben „davor“. Welch getriebener Mensch ich war. Welchen Stress machte ich mir, um schneller zu sein. Und während ich die Scherben meiner Listen, Prioritäten, Pläne und sonstigen Vorhaben aufsammelte stand ich wieder neben mir, sah mir zu, nahm mich selbst an die Hand, streichelte mir sanft über die vielen, vielen Sorgenfalten in meinem Gesicht, atmete tief ein und aus, lächelte mich an und wusste: alles ist gut, alles ist gut.



In Gedanken bei all den Müttern und Vätern von Meningitis-Kindern. 
Lasst uns den Himmel mit Gebeten stürmen!

Kommentare

  1. Mir laufen die Tränen über die Wangen ;(, was für ein unglaublicher Text. Mein Herz. Gott sei dank ist alles gut ausgegangen! Ich drücke euch weiterhin alle Daumen das ihr das nie wieder durchleben müsst. Liebe Grüße Jenni (herzmelodieee)

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  2. Katrin Hackbarth4. April 2018 um 22:27

    Dein Text ging grad so unter die Haut. Es sind die kleinen Dinge im Leben. Ich lerne das gerade im Yoga...beim Chanten...wo all das Negative aus einem rauskommt. Nimm Dir Zeit für DICH. Komm wieder im Leben an. DANKBAR sein für das Leben, ist sehr hart zu lernen und ein langer Weg. Alles IST gut!

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  3. Liebe Anna! Mir sind die Tränen nur so runtergelaufen als ich deinen Text gelesen hab, weil ich als Mutter mit dir mitgefühlt habe! Und noch mehr musste ich weinen, als ich euren Sonnenschein im Video sah,so voller leben! Ich freu mich unendlich für euch und wünsche euch Zeit als Familie mit ganz viel Sonnenschein!
    Alles Liebe
    Teresa

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  4. Ein Beitrag der einem sehr unter die Haut geht. Einen nachdenklich stimmt, ich kämpfe mit den Tränen und bin gleichzeitig sehr froh, dass ihr alles gut überstanden habt. Es berührt mich sehr, was ihr durchmachen musstet. Alles alles Gute weiterhin ♥️

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  5. Alles wurde gut!
    Alles Glück dieser Erde für euch.
    Ein sehr berühigender Text.

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  6. Liebe Anna, du triffst mich mit diesen Zeilen mitten ins Herz. Auf das wir alle uns auf das wichtigste im Leben besinnen: unsere Familie. Ich bin so glücklich das der kleine, tapfere Sonnenschein so sehr gekämpft hat. Drück dich herzlich!

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  7. Wow, was für ein Text. Deine Worte. Das ist so, so gut geschrieben. Unglaublich, was ihr, was du da durchmachen musstet! Wie erleichternd doch das Ende ist. Ich hoffe für und wünsche euch alles erdenklich Gute! Dein Video ist auch sehr berührend. Ich danke dir vielmals, dass du diese schwere Erfahrung mit uns geteilt hast.
    Herzliche Grüße
    Sandra

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  8. unglaublich anna! ich weiß nicht was ich sagen soll deine Worte,deine Gedanken ...unvorstellbar! ich wünsche euch von Herzen Gesundheit und viele viele Sonnenscheinmomente... holdyourbabiesclose - ja ich halte sie, so so fest <3
    herzliche Grüße
    steffi

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  9. Ich hab 4 mal angefangen zu schreiben weiß nicht wie ich anfangen soll. Ich weine erstmal eine Runde und nimm meine kleine Maus fest in den Arm ❤️ Der Beitrag ist so toll und herzergreifend geschrieben. Ich freu mich so sehr mit euch, dass der kleine Mann wieder lachen kann.

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  10. Liebe Anna �� ich schrieb Dir damals schon, dass ich mitfühlen kann... und auch ich kenne den Moment, an dem es heißt, dass Eltern nicht bleiben können... auch ich saß auf so einem Stuhl .. Stunden...ich verstehe dich soll gut und auch all das Gehegte davor... unser Alltag ist aber etwas wundervolles ... das lernte ich damals ... und gerade weil ich Dich so verstehe gehen deine Worte voll unter die Haut...mitten ins Herz.. ich wünsche euch, dass alles gut wird/IST Und ich hab mir schon immer den Spruch aufgesagt... was noch nicht gut ist, ist noch nicht zu Ende�� liebste Grüße und nur das Beste für Euch alle...LG Carina

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  11. Nach den ersten Zeilen kamen mir die Tränen. Mein Sohn ist 6 Monate alt und auch wir haben schon einen kritischen, aber bei weitem nicht so dramatischen, Krankenhausaufenthalt hinter uns. Und doch fühle ich jedes deiner Worte.

    Ich freue mich so unendlich für euch, dass es Joel gut geht und er das überstanden hat. Gott sei Dank.

    Fühl dich unbekannterweise gedrückt.
    Alles Gute für deine Familie <3

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  12. so ein berührender Text, danke für die Einblinke...danke fürs teilen...und schaue gut zu Dir <3

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  13. Zum Glück ist euer Ende ein Happy End, es freut mich von Herzen für dich und deine Familie.
    Alles Liebe
    Sabine

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  14. Worte die einen schon beim Lesen umhauen und man vergisst alles andere um sich rum. Als Mutter kann ich mir nur annähernd vorstellen was ihr durchmachen musstet. Ich weine mit euch. Und welch ein Glück das ihr all das überstanden habt.
    Liebe Grüße

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  15. Einfach nur Danke fürs Teilhabenlassen�� ....und fürs Besinnen auf das Wesentliche. Ihr seid toll!!!!��

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  16. Liebe Anna,

    ich lese Deinen Text gerade im Büro und hoffe, dass keiner reinkommt und mich weinen sieht. Ich habe Joels Diagnose und Eure Zeit im Krankenhaus via Instagram mitverfolgt und so für Euch gehofft. Wir hatten diese Angst um unsere kleine Tochter - da war sie gerade erst drei Wochen alt - schlussendlich war es bei ihr keine Meningitis, sondern eine andere Erkrankung und nach zwei Wochen war der Spuk vorbei und wir alle wieder gesund zuhause. Aber ich erinnere mich so gut an diese Angst, die Lumbalpunktion, die ersten Tage ohne Diagnose, mein völlig apathisches Kind in das Unmengen von Medikamenten gepumpt wurden.....Das ist jetzt alles 2 1/2 Jahre her und immer wenn ich Geschichten wie Eure lese merke ich, dass diese Erfahrung doch noch ganz schön tief in mir sitzt und die Angst ganz schnell wieder da ist.

    Liebe Grüße und alles Gute
    Janina

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  17. Liebe Anna, ich habe deine starken Worte mit meiner 7,5 Monate alten schlafenden Tochter auf dem Schoß gelesen und mein Herz wurde so unheimlich schwer, allein es zu lesen hat mich so viel Kraft gekostet. Ich mag mir gar nicht erst ausmalen, wie du dich gefühlt hast. Der Inbegriff. vom Muttersein ist für mich stets, alles Negative, jedes Leid und alle Schmerzen auf sich nehmen zu wollen ohne mit der Wimper zu zucken, damit es unseren Kleinen gut geht. Joel ist sicherlich unheimlich stolz, eine so starke Mama zu haben. Und die Mama ist stolz, einen so starken Sohn zu haben. Ich wünsche dir und deiner Familie, dass diese Zeit bald eine schwache Erinnerung bleibt und ihr von nun an nur schöne, sorgenfreie Tage habt. Sonnige Grüße aus Istanbul!

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  18. Liebe Anna,
    Du hast eine einzigartige, persönliche, behutsame und humorvolle Art, wie Du uns ein Dein und in Euer Leben schauen lässt.
    Selbst in dieser von Dir beschriebenen unglaublich schweren Zeit und auch jetzt danach inkl. all der "Nachwehen" teilst Du deine wertvollen Gedanken mit uns.
    Dankeschön dafür und alles erdenklich Gute und Wunderbare wünsche ich Dir und Deiner Familie.
    Cathérine

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  19. Liebe Anna, ich kommentiere eigentlich nie Texte, auch wenn ich sie gut finde oder sie mich bewegen. Bei diesem hier geht es nicht anderes. Ich bin unfassbar beeidruckt und so berührt und muss die Tränen zurückhalten, ich habe selbst einen Sohn in Joels Alter. Ich wünsche Euch alles Glück und Kraft dieser Welt, ihr habt es so toll als Familie gemacht und vor allem Du als Mama. Und Joel ist ein Kämpfer und so unfassbar tapfer. Ihr werdet alles schaffen, egal was sich Euch in den Weg stellt. Und alles wird gut, immer.

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  20. Sprachlos!! Tränen laufen über mein Gesicht! DANKBARKEIT für die Gesundheit meiner Familie! Niemand sollte so etwas mitmachen müssen. Alles erdenklich Gute für euch!!!

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  21. Da laufen auch mir als dreifach Mama die Tränen. Ich hoffe für euch, dass nichts zurückbleibt von dieser schweren Zeit außer der Gedanke das Leben zu genießen und dass Familie das Wichtigste ist <3
    Sophie

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  22. Dankbar. Unendlich dankbar für die Gesundheit von meinem Baby. Ich liebe es so sehr und mir kullern die Tränen runter wenn ich nur daran denke. Danke liebe Anna, die Prioritäten werden auf einmal ganz neu geordnet. Gesundheit ist alles. Ich bin sprachlos, es geht einfach so unter die Haut. LG und alles erdenklich gute für euch! Johanna

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  23. Liebe Anna, danke für deine ehrlichen und intimen Worte. Ich wünsche dir und deiner Familie nur das Beste nach dieser schweren Zeit! Liebste Grüße, Katharina

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  24. Liebe Anna, mir laufen die Tränen nur so übers Gesicht. Du bist so eine unglaublich starke Frau und Mutter und ihr habt so einen tapferen kleinen Jungen. Ich habe mit euch gefiebert , gezittert und gebetet, dass alles ganz schnell wieder gut wird. Es zeigt einem, dass man nie etwas als selbstverständlich sehen darf. Genieße die Zeit mit deinen sonnigen Lieblingsmenschen, alles andere kann warten!!
    Ich drücke dich ganz herzlich und Danke dir für diese offenen und ehrlichen Worte.
    Lg Christina

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  25. Alles liebe Euch❤.

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  26. Ein so berührender Text! Ich wünsche euch von Herzen dass ihr sowas nie wieder erleben müsst und geh dankbar meine Kinder küssen.

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  27. Alles Liebe für dich und deine Familie. Auch ich weine hier.

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  28. Was für ein Text. Du hast die Worte so gut gewählt. Er geht so unter die Haut, ich bin sprachlos aber tief berührt, den Tränen so nah...Was ihr durchgemacht habt-Unbeschreiblich! Aber es ist alles gut gegangen und ihr wisst das Leben vermutlich viel viel mehr zu schätzen. Du hast wirklich das Talent die richtigen Worte zu finden! Alles alles Liebe und Glück eurer süßen Familie!

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  29. So ein toller und berührender Text!

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  30. Ich habe selbst 3 Kinder und lebe auch quasi ständig in der Angst das mal so etwas schreckliches passiert.... Gott sei dank sind wir alle gesund und bleiben es hoffentlich auch! Da treten alle „Probleme“ zurück und ich werde heut besonders den Tag mit Ihnen genießen, ohne groß zu meckern! Danke dass du diese schwere Zeit mit uns geteilt hast! Alles liebe für euch !

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