Hätte mir jemand mal erzählt...

21.06.2018

Von den kleinen Momenten, in denen man sich nach der guten, alten Zeit sehnt. In der es ruhig war. Und ordentlich. Und das Gesicht noch faltenlos…


Seid ihr abergläubisch? Also ich bin es ja eigentlich nicht. Naja, so im geringen Maße. Zumindest klopf ich immer dreimal auf Holz, wenn ich jemanden erzähle, dass wir gerade alle gesund sind. Um es ja nicht zu verschreien. Verrückt, ich weiß.

Ja, und vermutlich aus diesem kleinen Funken Aberglaube in mir - oder vielleicht einfach nur, weil ich nur sehr ungern an diesen einen Tag zurück denke - verkniff ich es mir bisher, einen neuen Text für die Reihe „Hätte mir jemand erzählt...“ zu tippen. Denn den letzten Beitrag schrieb und veröffentlichte ich an dem Tag, als Joel schon Gehirnhautentzündung hatte, ich aber nichts davon ahnte. An dem Tag, als mich abends mein Bauchgefühl ins Krankenhaus trieb.

Wir waren gerade vom Arzt nachhause gekommen – der Arzt, der Joel damals leider nicht untersuchte. Nur Olivia – die hatte Magengrippe. Und da schliefen also beide Kinder am Sofa und ich tippte. Da war meine Welt noch in Ordnung. Oder vielleicht auch nicht. Denn mein gesundes Baby liegt immerhin jetzt schlafend in meinem Bett, meine beiden anderen gesunden Kinder ein Zimmer weiter. Und ich fühle mich viel gereifter, geerdeter, glücklicher als vor dem d i e s e m Tag. Ok. Alles zurück. Meine Welt ist mehr als in Ordnung. Dennoch schaffe ich es noch nicht, neutral an den 7. Februar 2018 zurück zu denken. Und das verlangte es mir nun ab, in dem ich den nächsten Teil der Kolumne schreibe, die ich genau an diesem Tag begann. Das alles hier ist also eine Art Bewältigungstherapie. Das tut gut. Ich starte nun einfach. 

Mit: Hätte mir jemand mal erzählt, dass es Tage geben wird, an denen ich mir wünsche, ich hätte nie Kinder bekommen, ich hätte es nie geglaubt. Ich hätte den Kopf geschüttelt und wäre fest überzeugt gewesen, dass ich so niemals denken würde. Dass alle Mütter, die so fühlen, dringend zum Therapeuten müssten. Dass die vermutlich völlig überfordert in ihrer Rolle und die Kinder einfach nur bemitleidenswert sind. Rabenmutter. Egoistin. Worte, die ich bestimmt gedacht hätte.

Nun, heute kann ich sagen: nein – es sind nicht Tage, an denen man sich das wünscht. Es sind kleine Momente. Momente, die sich manchmal vielleicht anfühlen, wie Tage. Nur sind es aber minikleine Augenblicke, dicht gefolgt von einem feuchten Schlabberkuss mit Rotznase. Ja, und schon ist der Gedanke wieder verpufft. Aber: es gibt ihn tatsächlich. Diesen kurzen, verzweifelten Gedanken in eine, mini-kleinen Moment. Erst vor einem Monat, als mich der fieseste Schnupfen, der hartnäckigste Husten und die quälendsten Kopfschmerzen fertig machten. Natürlich war ich genau an dem Tag mit den Kindern alleine zuhause. Mit meinen dreien und zur Draufgabe noch mit dem Sohn meines Mannes. Also vier. Vier kleine Räuber, die meine Nerven bis aufs Äußerste strapazierten. Die Hunger hatten. Ständig. Die am Klo saßen und lauthals „feeeeeeeertig“ durchs Haus brüllten. Immer genau dann, wenn der Jüngste im Bunde eingeschlafen war. 


Denen langweilig war. Und das irgendwie ständig betonen mussten. Die streiteten. In dem Fall nicht nur zwei Kinder. Sondern drei. Eines davon bei seiner Mutter in der Rolle des Einzelkinds, bei uns mit drei Geschwistern. Ihr könnt es ahnen. Es war nicht einer der Tage, an denen ich Abends lächelnd auf's Sofa falle und mich über die glücklichen Stunden freue, die wir hatten. Es war einer Tage, an denen ich lächelnd auf's Sofa falle, weil nun endlich, endlich alle schlafen.

Ja, solche Tage gibt es. Und ich weiß noch genau, als ich vor der Kaffeemaschine stand. Müde, krank, erschöpft. Und da war er, der Gedanke: hätte ich doch nie... doch dann - der feuchte Schlabberkuss. Das verliebte "Mama". Und das Gefühl, dass ich da etwas ganz wunderbares vollbracht habe. Oh wie verloren wäre ich nur ohne meine laute Bande. Wie langweilig wäre es. Wie sehr würde ich dieses Leben vermissen.

Diese kleinen fiesen Momente, sie haben es drauf. Sie sind hart. Doch sie machen die guten Stunden noch viel, viel kostbarer.  




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